Vererbung ausgewählter Merkmale am Beispiel der Brieftaube

Einleitung

Viele Menschen sehen an den Wochenenden im Sommer große Schwärme von Brieftauben den heimatlichen Schlägen entgegeneilen. Nur wenige wissen jedoch um den Reiz des Umgangs mit Reisetauben und der Faszination, die von diesem Hobby ausgeht. Wer kann es schon verstehen, „wenn Brieftaubenliebhaber stundenlang wie gebannt in den Himmel schauen und den Horizont nach ihren gefiederten Lieblingen, den vom Preisflug heimkehrenden Brieftauben, absuchen?“ (Grundel, W., S. 9) Wer ahnt schon etwas von den phänomenalen Leistungen, welche die sogenannten ‘Rennpferde des kleinen Mannes’ vollbringen? Wer weiß schon, was es bedeutet, wenn eine kleine Taube in kürzester Zeit Strecken bis zu 1000 km zurücklegt? Kaum jemand kann es sich vorstellen, wie viele Gedanken sich die Züchter um die richtige Vorbereitung ihrer Tauben machen. Dabei geht es nicht nur darum, das richtige und optimalste Konzept zu finden, um die Reisetauben schnellstmöglich nach Hause zu bekommen. In erster Linie muss vor allem die Qualität der Tauben stimmen. Das heißt, dass Jahr für Jahr versucht wird, aus den vermeintlich besten Zuchttauben, Jungtiere mit hervorragenden Genen zu züchten, die wiederum ‘die Lizenz zum Rennen’ besitzen sollen und die in mehrjähriger sorgfältiger Pflege auf ihre Aufgaben trainiert werden. Als Beispiel für die Vererbung habe ich mich eingehender mit den Genkombinationen der Farbvererbung bei den Brieftauben beschäftigt. Hierbei werden die verschiedenen Farben der Tauben vorgestellt und an Hand von eigens durchgeführten Versuchen die Farbdominanz bzw. – rezessivität im Zusammenhang mit den Mendelschen Regeln näher erläutert. Die schlechten Wetterverhältnisse zu Beginn meiner Versuchsreihe, hinderten mich daran, meine gedachten Versuche planmäßig durchführen zu können. Die Folge daraus war, dass die Versuche mit dem ‘Weißfaktor’ mir keine eindeutigen Ergebnisse lieferten und ich nur Vermutungen anstellen konnte. Die Brieftaubenzucht ist also eine wirkliche Leistungszucht mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Nur, wer sich mit Fragen der Zucht, der Pflege, der Organisation, des Umgangs mit den Tieren, der Gesundheitsvorsorge und vielem mehr auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und eigenen Erfahrungen beschäftigt, wird sich auf Dauer mit Erfolg an den Preisflügen beteiligen können. Der Umgang mit Brieftauben erfordert außerdem vollen Einsatz, vermag dafür aber auch viel geben, sodass er als wirklicher Ausgleich zum tristen Alltagsleben angesehen werden muss.

(Quelle: Grundel, W. „Brieftauben“, S. 9)

Die Brieftaube allgemein

Die Brieftauben werden meist zu Beginn des Frühjahres angepaart. Ca. 10 Tage nach der Paarung legt das Weibchen gegen 18.00 Uhr das erste Ei, zwei Tage später gegen 13.30 Uhr wird das zweite Ei gelegt. Somit ist das Gelege vollständig, denn eine Brieftaube legt bei jedem Gelege immer nur zwei Eier (s. Anhang a/1). Das Bebrüten der Eier teilen sich Vogel und Weibchen. Der Vogel brütet tagsüber von ca. 10.00 Uhr morgens bis etwa 18.00 Uhr abends. Die restliche Zeit übernimmt das Weibchen das Gelege. Die Brutzeit beträgt normalerweise 18 Tage. Es kommt jedoch darauf an, ob das erste Ei auch schon bebrütet wurde oder erst nach Ablage des zweiten Eis damit begonnen wurde. Dadurch kann das Schlupfdatum etwas variieren. Kurz nach dem Schlüpfen wiegt ein Junges nur ca. 20 Gramm und wird die ersten fünf bis sieben Lebenstage mit einer sehr eiweißreichen Kropfmilch gefüttert. Diese Milch bewirkt ein enorm schnelles Wachstum der Jungtiere. Im Alter von ungefähr sieben Tagen bekommen die jungen Tauben ihren ‘Personalausweis’. Dieser besteht aus einem mit Kunststoff überzogenem Metallring mit Identifikationsnummer. Diese Nummer besteht aus einer meist fünfstelligen Vereinsnummer, dem Geburtsjahrgang, einer laufenden Nummer und der Abkürzung des Heimatverbandes, z.B. 06959-98-578 DV (s. Anhang a/2). Durch diese Fußringnummer kann im Falle des Nichtheimfindens einer Taube exakt sein Züchter ermittelt werden. Diese Verbandsringe können den Tauben jedoch nur angelegt werden, solange die Jungtauben noch klein sind und der Ring über den Fuß gezogen werden kann. Mit ca. 25 Tagen werden sie von ihren Eltern getrennt und auf einen separaten Jungtierschlag gesetzt. Nach weiteren 14 Tagen können sie bereits fliegen und erkunden die Umgebung des Schlages. Im Alter von ca. drei bis vier Monaten sind die Jungtiere alt genug und können ihre Klasse auf den Jungtierpreisflügen unter Beweis stellen. Eine ausgewachsene Brieftaube wiegt ca. 500 Gramm und kann bestenfalls ein Alter von 18 Jahren erreichen.

(Quellen: Rubbenstroth, D. „Der Jahresablauf“, S. 4-5) / Wimmer, E. „Ein Taubenleben - am Anfang ist das Ei“, S.1-2)

Die Organisation im Verband Deutscher Brieftaubenzüchter

In Deutschland gibt es 7653 Brieftaubenvereine mit insgesamt 60.743 Mitgliedern, die dem Verband Deutscher Brieftaubenzüchter angehören. Die Brieftaubenvereine befinden sich auf örtlicher Ebene und zählen durchschnittlich ca. acht Mitglieder. Mehrere Vereine schließen sich zu einer Reisevereinigung mit ca. 30-120 Mitgliedern zusammen, von denen es im Moment 689 gibt. Den Reisevereinigungen übergeordnet sind die sogenannten Regionalverbände. Mehrere im Umkreis liegende Reisevereinigungen bilden einen von insgesamt 67 Regionalverbänden in Deutschland. Hierbei laufen die Mitgliederzahlen und die Anzahl der dem Regionalverband angeschlossenen RVen stark auseinander. Dem Regionalverband ‘100 Schleswig-Holstein’ z.B. gehörten im Reisejahr 2004 22 Reisevereinigungen mit insgesamt 1459 Mitgliedern an. Die größte Mitgliederzahl ist mit 18 Reisevereinigungen und 1877 Mitgliedern im Regionalverband ‘250 Ostwestfahlen’ auszumachen. Das gegenteilige Extrem bildet der Regionalverband ‘416 Ems-Werse’ mit nur 4 Reisevereinigungen und 305 Mitgliedern. Die geographische Ausdehnung der Regionalverbände kann einen Radius von ca. 70 Km betragen. Über den 67 Regionalverbänden steht die Bundesorganisation, der Verband.

(Quellen:  „Die Brieftaube“ Nr. 52/04, S. 1827, 1829, 1849 / Beauftragter der Verbandsgeschäftstelle für Organisation Herr K. Theißen)

Die Wettflüge

Die Wettflugsaison ist in zwei Teile aufgeteilt. Zum einen gibt es die Alttierpreisflüge, die ca. von Anfang Mai bis Ende Juli stattfinden (s. Anhang b) und zum anderen gibt es von Anfang August bis Mitte September die Preisflüge für die Jungtauben. Bei den Alttauben werden je nach Reisevereinigung meist zwischen 12 und 14 Preisflüge absolviert. In der Regel wird mit einer Entfernung um die 200 km begonnen und im Laufe der Saison bis hin zu 700 km gesteigert. Es gibt jedoch auch Weitstreckenflüge, die mit ausländischen Verbänden zusammen durchgeführt werden. Bei diesen internationalen Flügen werden mehrere 10.000 Tauben zusammen losgelassen, welche dann über 1.000 km bis zu ihren Heimatschlägen bewältigen. Die Jungtauben absolvieren meistens 5 Preisflüge zwischen 100  und 300 km. Brieftauben können bei gutem Wetter und Rückenwind eine Geschwindigkeit von 120 km/h erreichen. Bei normalen Witterungsverhältnissen liegt die Höchstgeschwindigkeit zwischen 60 und 70 km/h.

Ein Wettflugtag

Jede Reisevereinigung besitzt ein oder auch mehrere sogenannte Einsatzlokale. Hier treffen zu einem vorgegebenem Zeitpunkt alle Züchter, die ihre Brieftauben auf einen Preisflug mitgeben möchten, zusammen, um ihre ‘Renner’ einzusetzen. Früher bekamen die Brieftauben beim Einsetzen einen Gummiring um ihren Fuß (s. Anhang c/1). Auf diesem stand eine Nummer, die auf einem speziellen Einsatzzettel hinter die jeweilige Taubennummer geschrieben wurde. Somit wurde festgehalten, welche Tauben sich an einem Preisflug beteiligten. Jeder Züchter besaß damals eine Konstatieruhr (s. Anhang c/2). In diese Uhren wurden die Gummiringe ‘eingedreht’, die von den Taubenfüßen entfernt wurden, sobald die Reisetaube den Heimatschlag erreicht hatte. Befand sich nun solch ein Gummiring in einer kleinen Hülse in der Uhr, drückte man auf einen Hebel und die Ankunftszeit für die jeweilige Taube wurde gesichert; anfangs durch einen Papierstreifen und später durch eine elektronische Messung. Natürlich musste dieser Vorgang auch möglichst schnell gehen, da jede Sekunde zählte. Nach dem Flug trafen sich dann alle Züchter  zum ‘Uhrenöffnen’ in ihrem Einsatzlokal und werteten die Ergebnisse aus. Wie fast überall hat sich die Technisierung auch im Brieftaubensport durchgesetzt. Heute braucht man nun keine Gummiringe mehr und man muss auch nach der Ankunft der Taube nicht mehr blitzschnell in den Schlag laufen, die Taube fangen, und den Gummiring in die Uhr stecken. Jetzt besitzt jede Brieftaube, die auf die Reise geht, einen Elektronikring (s. Anhang d/1). In diesem Ring befindet sich ein kleiner Chip, der alle Daten der Taube in sich trägt. Beim Einsetzen wird die Taube mit dem Elektronikring über eine Einsatzantenne gehalten und somit wird registriert, dass die Taube sich an diesem Flug beteiligt. Am Flugtag wird das dazugehörige Bediengerät beim Züchter nur noch an eine Antenne angeschlossen. Wenn die Tauben nun vom Flug heimkommen, müssen sie nur über die vor dem Ausflug stehende Antenne laufen und ihre Ankunftszeit wird registriert (s. Anhang d/2). Anschließend werden alle Bediengeräte ausgewertet. Kurze Zeit später sind die Ergebnisse sämtlicher Reisevereinigungen auch im Internet einzusehen. Somit kann jeder Züchter sehen, wo er in der Meisterschaft steht und wie die Konkurrenz ‘gedreht’ hat.

Das System der Preisflüge

Bevor ein Züchter sich an Wettflügen beteiligen kann, werden die exakten Standortkoordinaten seines Taubenschlags (s. Anhang e) ausgemessen und im Computer vermerkt. Dadurch wird gesichert, dass sich kein Züchter durch eine kürzere Entfernung zum Heimatschlag, als die eigentliche, Vorteile verschaffen kann. Die Koordinaten aller Züchter werden also im Computer gespeichert. Diese Daten bekommen nach den Wettflügen ihre tragende Rolle, wenn es ums Auswerten des jeweiligen Wettflugs geht. Durch die entsprechenden Konstatiersysteme wird die Ankunftszeit der Tauben genauestens festgehalten und später mit der Kilometerzahl des jeweiligen Züchters verrechnet. In der Regel werden bei normalen Flügen für 100 m Entfernungsdifferenz zwischen den Züchtern acht Sekunden in Anrechnung gebracht. Am Ende werden alle Daten der Züchter zusammengefügt und es entsteht die sogenannte Preisliste. In den Preislisten werden die ersten 33,3 % der ankommenden Brieftauben mit der höchsten Fluggeschwindigkeit aufgeführt. Es gilt also die 33,3 % Regel, das heißt z.B., dass von 9.000 an einem Preisflug teilnehmenden Brieftauben nur 3.000 einen Preis erringen und in der Liste zu sehen sind. Die restlichen 2/3 der Tauben gehen leer aus.

Beispiel:

Zum Regionalflug am 06.06.2004 wurden insgesamt 11.913 Tauben von 320 beteiligten Züchtern aus zehn Reisevereinigungen um 08.40 Uhr in Chojnow / Polen aufgelassen (s. Anhang f u. g). Die mittlere Entfernung2 dieses Fluges betrug 436 km. Die 1. Preistaube traf um 15:15,24 Uhr mit einer Fluggeschwindigkeit von 1164,247 m/min bei Sportfreund ‘A’ in Osterwald ein. Die Entfernung von Auflassort der Tauben bis zum Heimatschlag des Züchters betrug in diesem Fall 460,324 km. Die zweitschnellste Taube traf 11 Sekunden nach der ersten mit einer immer noch beachtlichen Fluggeschwindigkeit von 1163,708 m/min ebenfalls bei Züchter ‘A’ ein. Die 3. Preistaube wurde um 14:32,15 Uhr bei Sportfreund ‘B’ in Peine registriert. Diese Taube hatte „nur“ 408,495 Km bis nach Hause zurücklegen müssen und schaffte dies mit im Schnitt 1159 m/min. Die Entfernungsdifferenz dieser beiden Züchter betrug also über 50 Km und der zeitliche Rahmen der Ankunftszeit über 45 Minuten. Dieses Beispiel zeigt, dass durch die modernste Technik und die perfekte Berechnung der Daten eine äußerst faire Konkurrenz zwischen weit auseinanderliegenden Schlägen hergestellt werden kann. Wenn sich nun eine Taube von z.B. 12 Flügen 10 mal unter den schnellsten 33,3% der Tauben einordnen konnte, hat sie 10 Preise errungen. In der Regel wird die Taube mit den meisten errungenen Preisen in einer Saison als bestes Männchen oder Weibchen ausgezeichnet. Wenn jedoch zwei Tauben die gleiche Anzahl von Preisen errungen haben, wird durch das AS-Punkte System der Sieger ermittelt. Die Taube, die den 1. Preis auf einem Flug fliegt, bekommt immer 100 AS-Punkte. Die zweitbeste bekommt ein paar hundertstel Punkte weniger und die letzte Preistaube bekommt weniger als einen AS-Punkt. Die AS-Punkte aller Flüge einer jeden Taube addiert bringt das AS-Punkte-Ergebnis. Dies zeigt auch, dass neben der Kontinuität, die jede Taube Woche für Woche zeigen soll, vor allem die Geschwindigkeit zählt um vorderste Preise zu erringen.

(Quellen:  Brieftauben-Abrechnung-Service RIRO GMBH, S. 3-4 /  W. Grundel „Brieftauben“, S. 135-139 /  Rubbenstroth, D. „Die Reisesaison“, S. 1 / Schmölz, E. „Niemandem gehört der Himmel allein“ / Verband Deutscher Brieftaubenzüchter )

Das Orientierungsvermögen der Brieftauben

Schon viele Jahrzehnte versuchen Forscher herauszufinden, woran es liegt, dass Brieftauben immer wieder zu ihrem Heimatschlag zurückfinden. Trotzdem konnte aber bislang immer noch nicht entgültig geklärt werden, welche Faktoren beim Heimfindevermögen alle mitwirken. Fest steht jedoch, dass sich das Heimfindevermögen aus der Notwendigkeit heraus entwickelt hat, dass die Tiere nach der Nahrungssuche immer wieder das Nest aufsuchen mussten. Und zwar nicht in einem Zickzack-Kurs, mit dem sie sich vom Brutplatz entfernt hatten, sondern auf dem schnellsten Weg. Aber woran liegt es nun, dass sich die Brieftauben so eindrucksvoll orientieren können und von jedem beliebigen Ort immer wieder nach Hause finden?

Die Orientierung nach der Sonne

Die Forscher Prof. W.T. Keeton aus den USA und der deutsche Prof. Dr. K. Schmidt-König veröffentlichten 1976 die Theorie, dass die Brieftauben sich an Hand des Sonnenstandes orientieren. Zu dieser Aussage kamen sie durch eigene, wie auch Versuche anderer Forscher. So stellte G. Kramer 1949 mit seinen Schülern am Max-Planck Institut fest, dass die Brieftauben mit Hilfe der Sonne die richtige Flugrichtung nach Hause feststellen können. Die Tiere scheinen also in der Lage zu sein den Winkel zwischen Flugrichtung und Sonne unabhängig von der Tageszeit bestimmen zu können. Aber woher weiß die Brieftaube nun, welches die richtige Richtung zum Heimatschlag ist? Kramer wie auch Schmidt-König gingen davon aus, dass die Tauben am Auflassort wissen, in welcher Richtung ihr Heimatschlag liegt und sie benutzen die Sonne demnach um die Richtung zu fixieren. Als Grundlage für diese Hypothese stützte sich Schmidt-König auf seine Versuche, bei denen er Tauben bei zeitversetzter künstlicher Beleuchtung hielt. Eine Stunde Zeitdifferenz bedeutet eine Abweichung vom Abflugwinkel beim Auflass um 15°. Wurden diese zeitlich manipulierten Tauben aufgelassen, konnte eine Verschiebung des Abflugwinkels entsprechend der zeitlich verstellten Uhrzeit festgestellt werden (s. Anhang h/1). Somit ist also bewiesen, dass die Brieftauben die Sonne zumindest zur Anfangsorientierung gebrauchen. Nun stellt sich aber die Frage, ob sich die Tauben vielleicht an charakteristischen äußeren Merkmalen der Landschaft orientieren? Über dieser Frage konnte ein weiterer Versuch Aufschluss geben, bei dem die Brieftauben mit getrübten Kontaktlinsen losgelassen wurden und sie somit die Umgebung nicht exakt wahrnehmen konnten. Hierbei stelle sich heraus, dass die Tauben in unmittelbarer Nähe des Schlages landeten, jedoch nicht exakt nach Hause gefunden haben. Anschließend wurden die Brieftauben eingesammelt und auf ihren Schlag zurückgesetzt. Tauben, die nicht gleich gefunden wurden, kehrten nach  einigen Stunden selbstständig zum Schlag zurück, nachdem sich die Kontaktlinsen aufgelöst hatten. Aus diesem Versuch ist zu schließen, dass die Brieftauben ihren Sehsinn ausschließlich für das letzte Flugstück zum Heimatschlag benötigen. Die Versuchsergebnisse mit den zeitlich manipulierten Tauben zeigten sich jedoch nur bei wolkenlosem Himmel und Sonne. Bei Bewölkung flogen die manipulierten, wie auch die eingesetzten Kontrolltauben, gleichermaßen in die richtige Richtung ab. Es scheint also so zu sein, dass die Tauben sich bei sonnigem Wetter nach der Sonne richten, bei Bewölkung jedoch ein anderes, zeitunabhängiges Parameter zur Orientierung einsetzen.

Die Orientierung mit dem Magnetfeld

Als Basis für weitere Überlegungen diente die Annahme, dass es verschiedene Organismen gibt, bei denen Magnetit3 nachgewiesen werden konnte, das auf Magnetfelder reagiert. Dr. E. Holtkamp-Rötzler von Zoologischen Institut der Universität Frankfurt/Main fand heraus, dass in den Nervenzellen des Oberschnabelgewebes der Brieftauben geringe Mengen von Magnetitkristallen in Form von kleinen Clustern vorliegen. Die Magnetitcluster ändern ihre Form in Abhängigkeit des Magnetfeldes. Diese Informationen über die Veränderung magnetischer Parameter werden durch den Nervus ophthalmicus an das Gehirn der Tauben weitergeleitet. Daraus ist zu schließen, dass der Nerv mit einem möglichen Magnetrezeptor in direkter Verbindung stehen muss und die Tauben somit kleinste Veränderungen des umgebenen Magnetfeldes messen können (s. Anhang h/2).

Wie können aber magnetische Faktoren von den Brieftauben zur Orientierung genutzt werden?

Eine wesentliche Rolle für die Anfangsorientierung spielt die Verteilung der Isodynamen4 am Auflassort. Hierfür ist jedoch wichtig, dass die magnetischen Intensitätswerte des Heimatschlages als Referenzwert dienen. Dieses Rezeptorsystem am Heimatschlag muss bei den Tieren von klein auf eingeeicht werden. Durch verschiedene Trainingsflüge lernen die Brieftauben, „wie sich die Totalintensität in Bezug auf die Verfrachtungsrichtung verändert“ ( Dr. Holtkamp-Rötzler, E. S. 6). Wenn man von den Intensitätswerten am Heimatschlag ausgeht, steigen bei einem Auflass im Norden die Werte der Totalintensität an, während bei einem südlicheren Auflass die Werte abnehmen. Auf der West-Ost-Achse sind die Veränderungen nicht so stark ausgeprägt und unterscheiden sich kaum von denen am Heimatort (s. Anhang i).  Die Isodynamen verlaufen nicht gleichmäßig, sondern werden z.B. durch geologisch bedingte Gesteinseinlagerungen (magnetische Anomalien) verzerrt, was zu Orientierungsschwierigkeiten der Brieftauben in der Anfangsphase führt (s. Anhang j). Ein weiterer Punkt, der das Orientieren erschwert, sind die tageszeitlichen Schwankungen zwischen morgens und mittags. In den Mittagsstunden nimmt die Totalintensität ab und die Tiere fühlen fälschlicherweise, dass sie an einen südlicheren Ort gebracht wurden. Dadurch versuchen sie ihre Abflugrichtung zu korrigieren, indem sie weiter nördlich abfliegen. Brieftauben können also die geringsten Veränderungen des Magnetfeldes wahrnehmen und sich danach orientieren. Da sich aber die von den Tauben gemessenen Intensitätswerte während eines Fluges ständig ändern, müssen sie immer wieder ihren angestrebten Kurs korrigieren um exakt am Heimatschlag zu landen.

(Quellen: Dr. Holtkamp-Rötzler, E. „Die Magnetorientierung bei Brieftauben“  S. 1-9 /  Dr. Stam, J.W.E. „Das Heute und Morgen im Taubensport“ S. 43-47 /  Grundel, W. „Brieftauben“ S. 11-20)

Die Vererbung bei Brieftauben

Jedes Jahr müssen Brieftaubenliebhaber junge Tauben züchten, um ihre Reisemannschaft wieder zu vervollständigen, die Qualität der Mannschaft zu erhalten oder gegebenenfalls zu verbessern. Dazu ist es notwendig, ausgewählte, vielversprechende Zuchttiere so zu verpaaren, dass die womöglich guten erblichen Anlagen der Elterntiere auf die Jungtiere übertragen werden, sodass diese wiederum hervorragende Qualitäten besitzen. Nicht selten kommt es vor, dass sich Züchter gleich nach Beendigung der Reisesaison Gedanken über ihre zukünftigen Zuchtpaare machen. Fragen wie: Reicht mein bisheriges Zuchtpotential? Kann ich mit meinen Tauben auch in den nächsten Jahren weiterhin in der Spitze mitfliegen? Muss ich mich doch mal wieder nach geeigneten Tauben für die Einkreuzung, oder wie in Taubezüchterkreisen auch von ‘Blutauffrischung’ gesprochen wird, umsehen? Von wem kaufe ich mir am besten neue Tauben? Und vor allem: Wie soll ich die Paare zusammensetzen? Egal, welche Fragen sich ein Züchter stellt, im Grunde haben alle das gleiche Ziel vor Augen: Tauben, die schnell und konstant nach Hause kommen und somit viele Preise und vor allem Anerkennung einholen.

„Vererbung bezeichnet also nichts anderes als die Übertragung von bestimmten Eigenschaften der Eltern auf ihre Nachkommen.“ (Dr. Stam, J.W.E. „Das Heute und Morgen im Taubensport“ S. 29)

Die Erbanlagen

Die für die Brieftaubenzucht so wichtigen Erbanlagen (Gene) befinden sich im Zellkern einer jeden Zelle der Taube und werden als Chromosomen bezeichnet. Chromosomen sind fadenförmige, mikroskopisch kleine und meist stäbchenförmige Gebilde mit einer primären Einschnürung, dem Centromer. In den Chromosomen befindet sich, der als Träger der Erbinformationen wichtige chemische Bestandteil, die Desoxyribonukleininsäure oder auch kurz DNS. Tauben besitzen - anders als der Menschen, der 46 Chromosomen besitzt, -   80 Chromosomen. Diese 80 Chromosomen liegen jeweils als Paar vor, sodass sich 40 Paare ergeben. Es gibt jedoch 2 Arten von Chromosomen. Die Brieftaube hat 78 Autosomen, sowie 2 Heterosomen. Nicht alle Chromosomen haben dieselbe Größe. Sie werden wiederum in Makrochromosomen (die großen) und Mikrochromosomen (die kleineren) unterteilt. Brieftauben besitzen 18 Makrochromosomen und 62 Mikrochromosomen (s. Anhang k). Dadurch, dass die Mikrochromosomen sehr klein sind, ist lange Zeit davon ausgegangen worden, dass eine Brieftaube nur 31 Chromosomen besitzt, da die restlichen, mit den damaligen zur Verfügung stehenden Mitteln, nicht erkannt wurden. Dieses These wurde jedoch im Jahre 1973 von den am Institut für Tierzucht der Universität Gießen arbeitenden Wissenschaftlern Dr. R. Beuing und Dr. B. Luft widerlegt. Mit verbesserten wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden konnten nun selbst die kleinsten Mikrochromosomen erkannt werden.

Die Mendelschen Gesetze

Für verschiedene Eigenschaften, dazu zählt nicht nur die Farbe des Gefieders der Brieftaube, sondern auch der Körperbau, der Charakter, die Gefiederfarbe, die Widerstandsfähigkeit usw. gibt es verschiedene Gene oder Genkombinationen. Ich möchte mich nun eingehender mit der Vererbung der Gefiederfarben bei Brieftauben beschäftigen. Hierzu sind vor allem die vom österreichischen Mönch Johann Gregor Mendel (* 22.07.1822; + 06.01.1884) aufgestellten Regeln der klassischen Genetik von Bedeutung. Auf Grund seiner Erkenntnisse und Erfahrungen aus verschiedenen Versuchen an Hand von Erbsen stellte er folgende drei Regeln, die sogenannten Mendelschen Regeln auf, die auch bei den Brieftauben Anwendung finden:

1. Uniformitätsgesetz:

Kreuzt man zwei homozygote Individuen, die sich in einem oder mehreren Allelpaaren unterscheiden, so sind alle F1-Hybriden uniform.

2. Spaltungsgesetz:

Kreuzt man F1-Hybride, die in einem Allelpaar heterozygot sind, so ist die F1-Generation nicht uniform. In der 2. Generation treten die Merkmale der Elterngeneration im Verhältnis 3:1 wieder auf.

3. Unabhängigkeitsregel:

Kreuzt man zwei homozygote Individien untereinander, die sich in zwei oder mehreren Allelpaaren voneinander unterscheiden, so werden die einzelnen Allele unanhängig voneinander, entsprechend dem ersten Mendelschen Gesetz, vererbt. 

Die Vererbung des Schwarzfaktors

Bei Brieftauben unterscheidet man zwischen mehreren Gefiederfarben: dunkel, gehämmert, blau, rot (-gehämmert) und fahl.

Bei den Brieftauben dominiert die Gefiederfarbe „dunkel“ gegenüber „gehämmert“ und „gehämmert“ dominiert wiederum gegenüber „blau“. Diese 3 Farben besitzen den Farbfaktor schwarz, der je nach dem mehr oder weniger stark ausgeprägt ist. Eine dunkle Taube besitz also mehr Farbpigmente als eine blaue Taube. Wird nun ein dunkler homozygoter Vogel ( „DD“ ), welcher sowohl von seinem Vater als auch von seiner Mutter der Erbfaktor „D“ erhalten hat, an ein homozygotes gehämmertes Weibchen („gg“ ) gepaart, dann müssten alle aus solch einem Paar hervorkommenden Jungtauben, nach der 1. Mendelschen Regel dunkel wie ihr Vater sein, da dunkel dominant ist (s. Anhang i). Jedoch ist die Filialgeneration1 nicht reinerbig, wie die Parentalgeneration, sondern mischerbig, da sie sowohl ein „D“ von ihrem Vater bekommen hat, als auch ein „g“ von ihrer Mutter. Die Jungtauben aus diesem Elternpaar besitzen also den Genotyp „Dg“. Da sich das „D“ für dominant gegenüber dem „g“ für rezessiv durchsetzt, besteht ihr Phänotyp aus einem einfachen „D“. Verpaart man nun die daraus entstandene F1 Generation untereinander, so müssten laut Mendels Spaltungsgesetz beide Farben, sowohl das Dunkel, als auch das Gehämmert wieder auftreten.

Phänotypisch würde die F2 Generation dabei das Verhältnis von 3:1 (3 x „D“ und 1 x „ g“ ) aufweisen. Im Genotyp sieht es etwas anders aus . Einmal würde ein homozygotes dunkles Junges ( „DD“ ) dabei herauskommen, einmal ein homozygotes gehämmertes ( „gg“ ) und zwei heterozygote dunkle Jungtiere ( „Dg“ ) .  Es liegt hierbei also ein monohybrid-dominant-rezessiver- Erbgang vor.

Verpaaren wir als zweites Beispiel einen homozygoten blauen Vogel ( „bb“ ) mit einem homozygoten dunklen Weibchen ( „DD“ ) (s. Anhang j). Die F1 Generation müsste wieder auf Grund der 1. Mendelschen Regel einheitlich aussehen. In diesem Fall wäre es ebenfalls dunkel, da ja dunkel gegenüber blau und gehämmert dominiert. Der Phänotyp würde bei allen Jungtieren aus diesem Paar „Db“ betragen und somit wären alle Jungtiere ebenfalls wieder heterozygot. Würde man die daraus entstandene F1 Generation wieder untereinander verpaaren, spalten sich die Jungtiere der F2 Generation wieder nach dem Phänotypenverhältnis 3:1, also 3 dunkle Jungtiere und ein blaues Jungtier auf. Es ist also egal, welche Farbe Vater bzw. Mutter besitzen, da die Farben unabhängig vom Geschlecht vererbt werden. Es liegt hier also keine geschlechtsgebundene Vererbung vor. Somit lässt sich auch schlussfolgern, dass man aus zwei blauen Tauben niemals eine anders farbige als eine blaue Taube ziehen kann. Jedoch ist es möglich aus gehämmerten Tauben blaue zu züchten und aus dunklen ist es sogar möglich gehämmerte, blaue und dunkle Tauben zu züchten.

Versuch 1: dunkler Vogel x gehämmertes Weibchen

Im Jahre 2004 paarte ich einen neu erworbenen dunklen Vogel an ein gehämmertes Weibchen. Bei dem Weibchen konnte ich mir sicher sein, dass es homozygot gehämmert war, da beide Elternteile auch gehämmert sind und deren Vorfahren, so weit ich dies noch verfolgen kann, ebenfalls gehämmerte Tauben waren (s. Anhang k). Es wäre also sehr unwahrscheinlich, wenn dieses Weibchen über Generationen hinweg noch das „b“ für blau und somit heterozygot in sich tragen würde. Von dem dunklen Vogel fehlten mir auf Grund des Neuerwerbs diese Angaben. Mir war also nicht klar, ob es sich um einen homozygoten oder heterozygoten dunklen Vogel handelt. So züchtete ich 2004 von der homozygoten Täubin und dem dunklen Vogel zwei Jungtiere. Es waren beides dunkle, wie sich später herausstellte ein Vogel und ein Weibchen. In diesem Jahr zog ich zwei gehämmerte Jungtiere.Somit hat sich also herausgestellt, dass der dunkle Vogel heterozygot dunkel sein muss. Denn hier hat sich das Verhältnis zwischen gehämmert und dunkel 2:2 aufgeteilt. Wenn der Vogel homozygot dunkel gewesen wäre, dann hätten, nach Mendels Uniformitätsgesetzt, alle Jungtiere die dunkle Farbe besitzen müssen, doch dies ist hier nicht der Fall.

Die Vererbung des Rotfaktors

Die rote Gefiederfarbe, die eines Tages durch eine Mutation entstand, ist dominant gegenüber der blauen Gefiederfarbe mit dem Schwarzfaktor. Alle roten Tauben, die es gibt, gehen auf dieses eine Tier mit der Veränderung im Erbsatz zurück. Paart man nun einen homozygoten rotgehämmerten ( „R R“ ) oder auch einen fahlen ( „F F“ ) Vogel an ein blaues Weibchen, dann sind alle Nachkommen der F1 Generation heterozygot rotgehämmert ( „R b“ ) bzw. fahl ( „F b“ )  (s. Anhang l). Bei der Vererbung mit dem Rotfaktor gibt es jedoch einen gravierenden Unterschied zur Vererbung mit dem Schwarzfaktor. Denn die Jungtiere der F1 Generation ähneln ihrem Vater überhaupt nicht.

Worin liegt nun dieser Unterschied?

Beim genaueren Betrachten wird man feststellen, dass der reinerbige rote Vater ( „R R“ ) einen Wachsschnabel (heller Schnabel) und ein fleckenloses Gefieder besitzt. Sein heterozygoter Sohn hingegen hat diese Eigenschaften nicht. Die jungen Vögel der F1 Generation besitzen schwarze Tintenflecke im Gefieder und einen dunklen Schnabel mit mehr Farbpigmenten – denn diese jungen Vögel sind immerhin noch Träger des unterdrückten Schwarzfaktors. Würde man nun einen erbreinen roten Vogel an ein rotes Weibchen setzen, dann wären alle Vögel der F1 Generation hinsichtlich der Farbe erbrein (Wachschnabel, keine Tintenflecke). Aber wie ist es mit den Weibchen? Sind die auch homozygot für den Rotfaktor?

Versuch 2: blauer Vogel x rotes Weibchen

Ich paarte in den Jahren 2003, 2004 und 2005 ein und dasselbe rote Weibchen an den gleichen blauen Vogel (s. Anhang m). Im Jahr 2003 zog ich  2 Jungtiere, einen roten Vogel, wie es nach der Vererbungslehre ja auch sein sollte und merkwürdigerweise ein blaues Weibchen. Das verwunderte mich nicht besonders, da nun wohl nur eine Fremdbefruchtung in Frage kam. In Frühjahr 2004 setzte ich dieses Pärchen also wiederum zusammen, um noch einige Jungtiere daraus zu züchten. Von der 1. Zucht bekam ich 2 junge rote Vögel mit Tintenflecken und dunklem Schnabel. Die 2. Zucht brachte einen roten Vogel und wiederum ein blaues Weibchen. Das konnte ich mir dieses Mal aber nicht wieder mit einer Fremdbefruchtung erklären. Es sollte schon ein großer Zufall sein, wenn in zwei Jahren hintereinander das gleiche Weibchen fremdbefruchtet wird. Das machte mich nun neugierig und ich paarte dieses Pärchen in diesem Jahr wiederum zusammen. Und, wie sollte es nicht anders sein, zog ich doch tatsächlich zwei blaue Weibchen. Bei insgesamt 8 Jungtieren aus 3 Jahren teilten sich die Farben und Geschlechter genau zur Hälfte auf. 4 rote Vögle und 4 blaue Weibchen. Auffällig ist, dass alle roten Jungtiere Vögel geworden sind und kein einziges rotes Weibchen dabei war. Zufall oder steckt da etwas Anderes hinter? Rot sollte doch gegenüber blau eigentlich dominieren!  Um dieses Phänomen entschlüsseln zu können, muss man sich jedoch zunächst näher mit den Chromosomen beschäftigen.

Die Meiose

Da die Zahl der Chromosomen innerhalb der Generationen konstant bleiben soll (80 Chromosomen), muss der diploide Chromosomensatz (2n), der in jeder Zelle vorhanden ist, in den Geschlechtszellen auf die Hälfte reduziert werden (1n), bevor die haploide Eizelle und das haploide Spermium zur Zygote verschmelzen, die dann wieder einen diploiden Chromosomensatz besitzt. Dieser Vorgang ist eine notwendige Vorraussetzung der geschlechtlichen Fortpflanzung und wird als Meiose bezeichnet. Die Meiose läuft in zwei Teilschritten ab, die man als 1. und 2. Reifeteilung bezeichnet.

In der Prophase der 1. Reifeteilung spiralisieren sich die Chromosomen und beginnen sich parallel aneinander zu lagern. Die Chromosomen liegen nun also mit den entsprechenden Genorten exakt nebeneinander. Es wird erkennbar, dass jedes Chromosom aus zwei Chromatiden aufgebaut ist, sodass insgesamt vier parallele Stränge sichtbar werden. An manchen Stellen ist eine Verbindung zwischen den homologen Chromosomen erkennbar. Die Chromosomen scheinen sich nun zu überkreuzen (Chiasmata). In der darauf folgenden Methaphase formieren sich die Chromosomen in der Äqatorialebene, die Chiasmata werden aufgelöst, die Spindelfäden beginnen an den Centromeren anzusetzen. Die Kernmembran hat sich zwischenzeitlich aufgelöst. In der Anaphase I und der Interkinese trennen sich die gepaarten Chromosomen und werden zu den entgegengesetzten Polen gezogen. Es bilden sich nun zwei Tochterkerne, wobei jedes Chromosom aus diesen zwei Chromatiden besteht. Bei der 2. Reifeteilung handelt es sich um eine mitotische Teilung, die sich direkt an die 1. Reifeteilung anschließt. Sie trennt die Chromatiden des haploiden Chromosomensatzes der in der 1. Reifeteilung entstandenen beiden Tochterzellen. Somit ist gesichert, dass jede Zelle auch nur genau 80 Chromosomen besitzt.Bei den Brieftauben befinden sich im diploiden Chromosomensatz zwei Geschlechtschromosomen. In dem des Vogels sind zwei „Z“-Chromosomen, in dem des Weibchens jedoch ein „Z“ und ein „W“-Chromosom. Somit entstehen bei der Reduzierung des Chromosomensatzes vom diploiden zum haploiden beim Vogel zwei identische Samenzellen, beim Weibchen hingegen auf Grund der zwei unterschiedlichen Geschlechtschromosomen zwei verschiedene Eizellen. Bei den Brieftauben entscheidet also, anders als beim Menschen, das Weibchen über das jeweilige Geschlecht des Nachwuchses.

Die Entschlüsselung des ‘Problems’ der Rotfaktorvererbung

Dieser kurze Einblick hilft jetzt bei der Lösung des Problems mit der Vererbung des Rotfaktors weiter. Die rote Gefiederfarbe scheint also etwas mit der Vererbung des Geschlechts zu tun zu haben, denn bei der oben genannten Paarung sind ausschließlich junge rote Vögel entstanden und nur blaue Weibchen. Der Rotfaktor liegt demnach wohl auf dem männlichen „Z“-Chromosom. Die Erbfaktoren für die anderen Eigenschaften befinden sich auf den restlichen 39 Autosomen und somit nicht auf den Heterosomen, da diese unabhängig vom Geschlecht vererbt wurden. Die Rotvererbung wird daher als geschlechtsgebundene Vererbung bezeichnet. Somit ist bewiesen, warum bei der Paarung eines roten Weibchens mit einem Schwarzfaktor Vogel nur rote Vögel und schwarzfaktorfarbene Weibchen entstehen können. Das rote Weibchen besitzt in ihrem diploiden Chromosomensatz ein „W“, welches sie an ihre weiblichen Kinder weitergibt und ein „Z“, das ihre männlichen Nachkommen von ihr erhalten. Da sie aber selbst den Rotfaktor in sich trägt und diesen nur an ihre männlichen Nachkommen weitergibt, muss dieser sich auf dem „Z“-Geschlechtschromosom befinden. Es ist also unmöglich, aus einem roten Weibchen und einem Schwarzfaktor Vogel rote Weibchen zu züchten. Wenn dies doch eintreten sollte, kann jeder Züchter davon ausgehen, dass eine Fremdbefruchtung vorliegt. Jedoch ist es möglich, aus einem roten homozygoten Vogel und einem Schwarzfaktor Weibchen rote Tauben beiderlei Geschlechts zu züchten. Bei dieser Paarung entstehen, auf Grund der Dominanz des Rotfaktors, jedoch ausschließlich rote Nachkommen. Es kann daher auch keine homozygoten roten Weibchen geben. Diese Eigenschaft bleibt ausschließlich den Vögeln vorbehalten. Solche Tiere können sowohl aus einem roten Weibchen mit einem homozygoten, wie auch aus einem heterozygoten Vogels fallen. Diese Erkenntnisse sind für die Züchter von großer Bedeutung, denn dadurch kann bei den Jungtauben, sobald die ersten Federn durch die Federkiele gestoßen sind und die Farbe zu sehen ist, erkannt werden, welches Geschlecht die Tauben besitzt.

Versuch 3: Die Vererbung charakteristischer Merkmale

Neben den normal üblichen einfarbigen Tauben gibt es aber auch noch die , ich nenne sie mal ‘Weißfaktoren’. Zum Einen sind dies die sogenannten Schecken. Schecktauben haben in ihren Federn 1. Ordnung vereinzelt weiße Federn. Zum Anderen gibt es auch Brieftauben, die kleine weiße Federn am Auge besitzen.

An Hand dieser charakteristisch auffälligen Merkmale wollte ich weitere Versuche zur Vererbung durchführen. Hierbei ergab sich jedoch ein Problem. Auf Grund der sehr schlechten und wechselhaften Witterungsverhältnisse legten die Weibchen sehr schlecht und somit nicht rechtzeitig, sodass ich mit vielen dieser Tiere meine geplanten Versuche nicht durchführen konnte. Erschwerend kam hinzu, dass die Eier einiger Weibchen nicht befruchtet waren bzw. durch ‘Fremdeindringlinge’ die Eier zweier Paare kaputt gingen. Somit blieben mir also nur sehr wenige Versuchspaare, die diese charakteristischen Merkmale trugen. Bei ‘Paar 1’ handelt es sich um einen normalen blauen Vogel und ein ‘Blauscheck Weibchen’ mit kleinen weißen Federn am Auge. Aus diesem Paar zog ich ein normal blaues Jungtier ohne Merkmale und eins mit den kleinen weißen Federn am Auge. Das ‘2. Paar’ bildete ein ‘Gehämmertscheck Vogel’ mit einem fahlen Weibchen. Wenn man hier noch einmal auf die Vererbung des Rotfaktors zurückgreift, dürften aus diesem Paar vermutlich nur rote oder fahle Junge entstehen. Dies traf auch zu, denn dieses Paar zog zwei rote Jungtiere, wobei keines der beiden Jungen eine ‘Scheckung’ trug. Da die Mutter rotfaktorfarbend ist, müssen diese beiden Jungtiere Vögel sein. Das ‘Paar 3’ bestand ebenfalls aus einem ‘Gehämmertscheck Vogel’, aber diesmal mit einem gehämmerten Weibchen. Aus dem ‘Paar 3’ züchtete ich leider nur einen ‘Gehämmertscheck’.Aus diesen Versuchen scheint es mir jedoch nicht möglich, ein ausreichendes Urteil über die Vererbung des ‘Weißfaktors’ abgeben zu können. Hierzu hätte eine größere Anzahl an Versuchspaaren vielleicht eher Aufschluss geben können. Wenn eine Verlagerung entweder der ‘Weißvererbung’ oder der Normalfarbe zu erkennen gewesen wäre, hätte man auf die Dominanz bzw. Rezessivität des ‘Weißfaktors’ schließen können. Bei meinen Versuchen sind jedoch nicht einheitlich viele Jungtauben mit oder auch ohne diese Faktoren  entstanden. Ich möchte mich deshalb auch nicht festlegen, ob die Scheck- bzw. ‘Weiße-Federn-am-Auge-Vererbung’ dominant oder rezessiv vererbt werden.Ich stelle aber die Vermutung auf, dass hierbei der Genotyp der Elterntiere eine wichtige Rolle spielt. Wenn die Elterntiere von ihren Eltern wiederum von beiden Seiten her diesen ‘Weißfaktor’ vererbt bekommen haben, dann könnte die Möglichkeit größer sein, dass ebenfalls wieder Jungtauben mit diesem charakteristischen Merkmal entstehen. Fest steht aber, dass aus zwei nicht ‘weißfaktorfarbenen’ Tauben niemals eine ‘weißfaktorfarbene’ Taube gezüchtet werden kann. Als weiterer Punkt ist anzumerken, dass es hierbei so aussieht, als würden Rotfaktortauben dieses Scheckvererbung nicht besitzen. Diese Behauptung kann ich jedoch aus eigenen Erfahrungen widerlegen. Es ist nämlich sehr wohl schon vorgekommen, dass auch rote oder fahle Tauben weiße Schwungfedern besitzen, auch wenn dies seltener eintritt als bei den blaufaktorfarbenen Tauben.Anzumerken ist noch, dass bislang noch immer nicht nachgewiesen werden konnte, ob die Farben der Brieftauben mit speziellen Eigenschaften in Verbindung stehen. Selbstverständlich gibt es den einen oder anderen Züchter, der fest davon überzeugt ist, dass z.B. die blauen Tauben die besten Flieger sind und die roten hingegen nichts taugen. Ebenso gibt es die andere Seite, die glaubt, dass nur die roten Tauben Höchstleistungen bringen können. Diese Hypothesen können jedoch nur aus eigenen Erfahrungen der Züchter aufgestellt werden und sind keinen Falls zu verallgemeinern.Ich bin der Meinung, dass die Farbvererbung im tieferen Sinne nichts mit den sportlichen Leistungen der Tauben zu tun hat, denn ich habe sowohl schwarzfaktorfarbene, wie auch rotfaktorfarbene Brieftauben besessen, die gleichermaßen erfolgreich waren.  

(Quellen: Buselmaier, W. „Abiturwissen Biologie“ / Dr. Stam, J.W.E. „Das Heute und Morgen im Taubensport“ / Püttmann, R. „Brieftaubensport International“ / Vansalen, V. „So züchten Meister“ / Wiese, B., Milde, H. „Abiturwissen Genetik“ / Schüler Duden „Die Biologie“ )

Fazit

Kommt bei einer guten Reisetaube ein bestimmtes, als sehr gut empfundenes  Merkmal vor, kann man noch lange nicht daraus schließen, dass alle Nachkommen mit diesem Merkmal gute Reisetauben sind. Grund dafür ist, dass die Tauben viel mehr Chromosomen besitzen als z.B. der Mensch und somit eine noch größere Variabilität aufweisen.Viele Züchter sind meist auf der Suche nach Kindern oder Großkindern aus einstigen AS-Tauben. Sie glauben aus Nachkommen dieser einstigen ‘Überflieger’ ebenfalls wieder sehr gute und schnelle Reisetauben züchten zu können. Es kommt bei guten Brieftaube jedoch nicht nur auf ein hervorragend ausgebildetes Merkmal an, sondern auf eine ganze Reihe. So sind z.B. die Größe des Flügels, die Gefiederbeschaffenheit, der Körberbau, die Muskeln usw. mit von Bedeutung.Die Züchter bedenken dabei jedoch nicht, wie viele verschiedene Genkombinationen es bei den Tauben gibt. Es ist also sehr unwahrscheinlich, aus einer AS-Taube wiederum Tauben mit einer fast identischen, für Leistung sprechenden, Genkombination zu züchten. Selbstverständlich kann es vorkommen, dass aus ‘Toppern’ wiederum AS-Tauben gezüchtet werden. Die Chance aus ‘Rennern’ gute Junge zu züchten liegt auf Grund der vielen guten Eigenschaften dieser Tauben natürlich näher, als bei Tauben, die ihre Klasse nicht unter Beweis gestellt haben. Entscheidend für eine erfolgreiche Brieftaubenzucht ist jedoch die richtige Kombination zwischen den Elterntieren. Diese sollten nicht unbedingt die selben Eigenschaften besitzen wie z.B. einen starken Körperbau, denn dadurch würde nur ein Merkmal optimal ausgeprägt und die restlichen Eigenschaften vernachlässigt werden. Die optimale Kombination aus zwei verschiedenen Merkmalen bringt meist eine perfekte Brieftaube, so wie die Züchter sie wünschen (s. Anhang q). Und genau hier liegt auch die Schwierigkeit, mit der sich die Brieftaubenzüchter Jahr für Jahr auseinandersetzen müssen. Es müssen einfach die perfekten Kombinationen gefunden werden. Auch wenn all diese oben genannten Faktoren zusammen harmonieren, kann der Züchter noch nicht davon ausgehen, einen neuen ‘Überflieger’ unter seinen Tauben sitzen zu haben. Neben dieser schon recht  wichtigen Vorraussetzung müssen jedoch auch noch andere Dinge berücksichtigt werden. So ist es genau so wichtig, dass die Brieftauben ein gut ausgeprägtes Orientierungsvermögen besitzen, um auf dem schnellsten Weg nach Hause zu finden. Auch sind das Training, das Schlagklima, das Verhältnis von Mensch zu Tier, die Motivation und die Versorgung ebenso von Bedeutung. Nur wenn man es schafft, all diese Punkte zu vereinigen und einzuhalten, kann man mit etwas Glück ganz oben im Brieftaubensport ‘mitmischen.Ich hoffe, dass ich an Hand der anschaulichen Versuche der Farbvererbung einen kleinen Einblick in die Vererbung der Brieftauben geben konnte. Die Brieftaubenzucht ist also wahrlich keine Kleinigkeit, sondern erfordert viel Wissen und reichliche Überlegungen. Das Ergebnis eines jeden Zuchtjahres zeigt sich dann Woche für Woche bei den Preisflügen, wenn die Züchter voller Anspannung, hohen Erwartungen und zwischenzeitlichen Adrenalinstößen auf ihre heimkehrenden ‘Asse’ warten. Ich bin gespannt, wie lange es noch dauert, bis Forscher herausfinden, welches die besten Erbanlagen für die Brieftauben sind und es dann nur noch ernorm schnelle und leistungsfähige Brieftauben geben wird...

Neuzugänge von Torsten Schäffer

Absolut geniale Jungtiersaison 2013!

Klasse statt Masse!
2 As-Tauben innerhalb von 3 Jahren kommen nicht von ungefähr!

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10.As-Vogel BRD 2008
Olympiataube "B" Dortmund 2009
13/13 Preise, bester Vogel der RV und FG

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1. As-Vogel RegV 2010
13/12 Preise in 2010
12/11 Preise in 2011






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